Februar 2012

Oh man, bin jetzt in der Stadt und habe das hier ganz schnell auf ein Blatt Papier geschrieben, damit ihr nicht enttaeuscht seid – das Internet in Independencia ist bis jetzt die ganze Zeit kaputt gewesen. Fotos fehlen auch noch, aber jetzt euch viel Spass beim Lesen:

 

Ueberstuerzte Abreisen

Habe ich jetzt auch wirklich alles?

Wie von einem Alpakka gebissen renne ich vom Schrank, dem Bett und meinem Rucksack hin und her, hoffend, auch ja nichts zu vergessen (warme Klamotten fuer das kalte Klima beim Salar, Schwimmzeug). Eigentlich hatte ich mir meine Abreise von Independencia nach Cochabamba entspannter vorgestellt (zumal ich schon ein Ticket fuer die naechtliche flota besitze), doch ein Anruf Elisas gestaltete meine Reiseplaene etwas anders: „Coco (Elisas und Agnes‘ Chef) will schon heute mit dem Auto nach Cochabamba und er kann uns alle drei mitnehmen!“

Ich sass vor dem Living und hielt Telefonwache („presente“ genannt) und fragte erfreut ueber die entspanntere Reisemoeglichkeit nach dem Zeitpunkt der Abreise und fiel bei der Antwort aus allen Wolken: „Moeglichst bald, so nachmittags um 16 Uhr“. Ich hatte bis 15 Uhr 30 presente und nicht ein Stueck gepackt!

Die Schwester war nicht da, sodass ich auch nicht einfach gehen konnte. Was tun? Ein klein wenig Panik kam in mir auf. Dabei hatte der Monat Februar doch so entspannt begonnen:

 

Wie das Haus immer voller wird…

Mit unserem deutschen Besuch Ann-Kathrin und Alexandra (die auch unser Zwischenseminar geleitet hatte) sind wir hinunter nach Las Vegas (die “fruchtbaren Ebenen”) mitten ins Gruen gewandert und die bluehende, gruenende Landschaft bestaunt. Wir konnten zwar nicht ganz hinunter zum Fluss, da der Trampelpfad dafuer zugewuchert war, trotzdem hatten wir einen schoenen Ausflug. Leider mussten wir uns von den beiden recht bald wieder verabschieden. Dafuer fuellte sich das Internat von einem Tag zum naechsten, quasi ueber Nacht – ploetzlich mit Schuelern, denn das neue Schuljahr hatte nach grosser Ferienpause wieder begonnen, sodass es nicht mehr ruhig und still im Centro zuging. Hinzu kam weiterer, deutscher Besuch – diesmal von Martin und seiner Freundin Kathi, die fuer ein Urlaubs-Semester Suedamerika erkunden und somit Martins FSJ-Stelle (er hatte 2007/08 in Fupajema im Dorf mitgearbeitet) besuchen wollten. WIr waren sehr erfreut ueber den netten Besuch und die Geschichten ihrer bisherigen Reise, die die beiden zum Besten gaben. Waehrend Martin und Kathi die naechsten Tage damit verbrachten, die Gegend bei Spaziergaengen zu erkunden und besichtigen (das Wetter bot dafuer das ganze Sommer-Sonne-Programm auf, dass es in der Zeit davor recht wenig gegeben hatte), durften Corinna und ich endlich wieder durchstarten: Mit dem neuen Schuljahr hatte auch der Kindergarten wieder begonnen, sodass wir von Neuem in die Rolle der profesora schluepfen konnten und die Kleinen (die ueber die Ferien teilweise tuechtig gewachsen waren) mitbetreuen. Dabei half Corinna in der Gruppe mit den juengeren, in der die meisten Neulinge waren, und ich gesellte mich zu den “Grossen” in profesora Maria Theresas Gruppe. Kurz vor Karneval, der MItte Februar gefeiert werden sollte, kamen die Kinder nur nach und nach in ihren “Kinder”, sodass wir anfangs von 26 (nun ueber 40) angemeldeten “estudiantes” nur 13 in der Gruppe hatten – das erleichterte mir wiederum die Namensmerkung ungemein, hatte ich ueber die Ferienmonate doch einige Namen vergessen. Ich durfte daher meine duerftigen Quechua-Kenntnisse auf die Probe stellen: “Imasu tiki?” (“Wie heisst du?”) – mit dem Ergebnis, dass mich die Kinder jetzt noch lieber auf Quechua als auf Castellano ansprechen (dabei reicht meine Quechua-Wortkenntnis nicht einmal zu einer Grundverstaendigung aus!). Es machte trotzdem Spass, wieder mit den Kindern spielen zu duerfen, die noch vor einigen Monaten “die Kleinen” waren und nun zu “den Grossen” gehoeren, da sie im naechsten Jahr dann zur Schule gehen – einer kam mit dieser Veraenderung noch nicht so klar: Er versuchte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in die Gruppe der juengeren nach nebenan zu gelangen, sodas ser auch immer wieder zurueck in seine neue Klasse geschickt werden musste (dass sein bester Freund bei den Kleinen war, machte es ihm obendrein auch nicht leichter).

Neben diesem Drama (Corinna musste in ihrer Gruppe zwei beruhigen, die taeglich aufs Neue darunter litten, von ihren Eltern getrennt zu sein und dies auch lauthals kundtaten) ereignete sich bei mir etwas Unangenehmes: Mein Handy, sonst so treu und zuverlaessig, gab nach dem Aufladen ploetzlich den Geist auf, sodass ich mich in eins der drei Handylaeden des Dorfes begab und dem Verkaeufer mein Leid klagte. Dieser versicherte mir, dass mein celular nicht kaputt sei und er fing sogleich an, es zu saeubern und auseinander zu bauen. Dies beanspruchte leider einige Zeit, sodass ich, als ich nach zwei Stunden wiederkam, noch weitere Augenblicke warten musste, bis der Verkaeufer mir mein Handy mit den Worten “So, jetzt ist es kaputt” in die Hand drueckte. Auf meine Frage, ob er mir denn ein neues Handy verkaufen koenne (schliesslich war bei meinem alten nur der Akku kaputt gewesen, wie der Ladenbesitzer mir erklaerte), antwortete er mit einer Gegenfrage: “Wollen Sie ein Original-Handy?”. Hoeflicherweise liess ich mir einige Modelle zeigen und deren Preise nennen (die viel zu hoch lagen) und verliess den Laden. Am naechsten Tag hatte ich in einem anderen Stand mehr Glueck und kaufte mir ein Handy – das ich nur noch registrieren lassen musste. Dabei war mir Gott sei Dank Cinda, eine der Mitarbeiterinnen des Centro Socials behilflich, die fuer mich bei dem Call-Center der Mobilgesellschaft Entel (wo meine Handy-Chipkarte registriert ist) anrief und der nuschelnden Frau (mit der schon Corinna einmal wegen ihrem neuen Handy telefoniert hatte) meine Daten durchgab. Ich hatte es anfangs auch versucht, mich mit der Call-Center-Frau zu verstaendigen, doch dies stellte sich bald als fast unmoeglich heraus: “Wie bitte? Hallo? Ja, koennten Sie das bitte noch einmal wiederholen? Ja? Bitte, was??”. Als Antwort bekam ich den gleichen genuschelten Satz, mit lauten Stimmengewirr aus dem Hintergrund gewuerzt, wie zuvor. Ich kapitulierte und reichte den Hoerer an Cinda weiter, die ohne mehrere Nachfragen jedoch auch nicht auskam. Schliesslich war sie doch erfolgreich – seit dem Tag bin ich auf dem Handy wieder erreichbar. Es sei denn, der Handyfunkmast macht wieder Probleme, aber das ist eine andere Geschichte…

 

Denn dann kuendigte sich ein weiterer deutscher Besuch an: Lisa, eine Freundin Davids, die von ihm begleitet vollgepackt ploetzlich vor mir stand und, waehrend wir beim Living in der waermenden Sonne sassen und das Telefon bewachten, erzaehlte, dass es in Deutschland gerade Minusgrade gaebe. Zwar vermisse ich momentan den Schnee total, doch konnte ich Lisa verstehen, die froh war, der Kaelte halbwegs entflohen zu sein. Das abendliche Zusammensein im Living wurde durch Martin, Kathi und Lisa (und David, da er aus gesundheitlichen Gruenden so lange in Cochabamba gelieben war) zu einem sehr schoenen, gemuetlichen Ereignis, das bedauerlicherweise nicht lange anhielt: Sowohl Martin und Kathi als auch David und Lisa mussten weiter, sodass selbst das Wetter, das bis dahin so gehorsam sommerlich-warm war, entschied, es wieder nass-kalt werden zu Lassen.

 

Schon bestand der Alltag von Corinna und mir wieder aus Kindergarten, Telefonwache und (was nun oefter vorkommen sollte) alumnos. Diese koennen ganz unterschiedlich ausfallen, haben aber eins gemeinsam: Das Betreuen der Schueler – entweder bei Hausaufgaben-, Handarbeits- oder Ausgehstunde. Letzteres hatten die Jungs am Wochenende, damit sie sich unten im Dorf mit neuen Materialien fuer die Schule eindecken konnten. Ich sollte diejenigen beschaeftigen, die im Centro bleiben wollten und aufpassen, dass sie nicht dem neuesten Trend nachgingen: Die fuer Karneval zum Verkauf angebotenen Luftballons und Wasserpistolen fuellen und sich gegenseitig damit abspritzen und (im Falle der Luftballons) bewerfen. Dabei fragte mich einer der Jungs, al ser gerade einen grossen Schluck aus der ihm angebotenen Wasserflasche nehmen wollte: ”Gibt es eigentlich auch Wasser in Deutschland?”

 

Aber nun wieder zu den Reisen: Nachdem  schon Corinna aufgrund dringender Studien-Bewerbungen und der Internet-Problematik in Independencia (seit Wochen heisst es “no hay servicio”) von einem Tag zum naechsten sich nach Cochabamba begab, fragte ich die endlich aufgetauchte Schwester Verena, ob ich ebenfalls packen duerfte, da ich bei Coco mitfahren durfte. “Ja, wann geht es denn los?” – “Heute. Jetzt!” und mit diesen Worten sauste ich in mein Zimmer.

Nach weiteren Anrufen seitens Elisa, die mich weiter zur Eile antrieb, stehe ich in (fuer mich) Rekordzeit vor meinem gepackten Rucksack und gehe noch einmal alles durch: Pullis, dreckiges Geschirr gewaschen, Muelleimer geleer – Muell!! Ohje, wenn das nicht knapp wird! In wilder Hast schuette ich den Inhalt unseres Muelleimers in die naechste Feuertonne, fege so gut es geht das Zimmer aus und befinde mich dann endlich mit Sack und Pack auf dem Weg hinunter zum Centro Cultural, wo ich auf Coco, Agnes und Elisa treffen soll. Dabei faellt mir auf, dass es das erste Mal ist, dass ich in dieser Reisemontur bei Tageslicht das Dorf durchquere: Hatten wir dies vorher aufgrund der fruehen Abfahrtszeiten der flota bei Nacht unauffaellig getan, kommt es mir nun so vor, als wuerde ich einen Elefanten auf dem Ruecken spazieren tragen – von mehreren Dorfbewohnern werde ich verstohlen beaeugt (mit was laeuft die gringa denn da rum? – ich hoffe instaendig, dass die Jungs mich nicht mit ihren Wasserbomben abwerfen) und als mich eine Ladenbesitzerin nach meinem Reiseziel fragt, blickt sie mich bei meiner Antwort (Cochabamba – Oruro – Salar de Uyuni) ganz erstaunt an. Noch eins ist anders als sonst: In der Nachmittagssonne ist es in Pulli und anderen dicken Klamotten viel zu heiss, doch fuer die Reise brauche ich warme Klamotten – spaeter wird es ganz schoen kalt werden. Endlich unten bei Cocos Auto angekommen, wird mir auch wenig spaeter mein Rucksack abgenommen und mit den anderen Gepaeckstuecken aufs Dach des Wagens verfrachtet. Schliesslich geht es nach etwas Warterei los: Mit knapp 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit rumpelt der Jeep ueber Stock und Stein – immer am Berg entlang – waehrend sich in den naechsten 9 Stunden Fahrt (immerhin 1 Stunde weniger als Corinna mit der flota gebraucht hatte) abwechselnd Regenschauer und dichte Nebelbaenke (Sichtweite unter 4 Meter) ueber dem Auto auslassen und eine klare Sicht beinahe unmoeglich machen. Doch des Nachts kommen wir heil in Cochabamba bei Cocos Hausa n, wo ich, dank Cocos Gastfreundschaft, auch uebernachten darf. Die Hektik hat sich gelohnt – Coco sei Dank sind wir frueher als erhofft in der Stadt angekommen.

 

Das war mein Februar – bis jetzt. Auf mich warten noch der Karneval in Oruro (das Fest des Teufels) und eine Tour am Salar de Uyuni. Mit dabei: Corinna, Lewin, Eva, Daniel und Victor Hugo – mein selbstgemachtes Haekelschwein 😉

 

Ich hoffe, ihr hattet viel Spass beim Lesen – liebe Gruesse, eure Julia