November 2011 (der Monster-Beitrag)

Ich weiss, ich bin schon seit September in Bolivien und ich schulde euch noch meine Erlebnisse von diesem und dem naechsten Monat, Oktober, aber wegen technischen Schwierigkeiten kann ich euch erst einmal nur November bieten. Ich wuensche euch trotzdem viel Spass beim Lesen:

 

Allerheiligen, Allerseelen

Am Mittag des 1. November waren so viele beim Essen da, dass wir in den Schülersälen 1 und 2 aßen (die Gäste in dem einen, die Mitarbeiterinnen und wir in dem anderen). Traditionsgemäß  wurde zuerst eine weiße Cremesuppe gereicht, in die man sich nochje nach Belieben Fleisch und Pommes hinzutun konnte; danach gab es eine würzige, rote Suppe, in die man ebenfalls Fleisch, salzige Teigtaschen und kleine Kartoffeln für sich hinzufügte (das alles machte ziemlich pappsatt).

Nach dem Essen konnte man zu den einzelnen Häusern gehen, die jemanden betrauerten, um die „Altare“, die sie für die verstorbene Person aufgebaut hatten, zu besuchen. Wenn man für den oder die Verstorbene gebetet hatte, bekommt man als Dankeschön eine Art Präsentkorb mit verschiedenen, traditionellen gebackenen Leckereien.

In Bolivien wird 3 Jahre lang um eine gestorbene Person getrauert und da PadreManfredo erst kürzlich verstorben ist, wurde ihm auch im Centro im Sala San Bonifacio ein Tisch sehr schön, festlich gedeckt und aufgestellt:

Die gebackenen „Leitern“ sollen symbolisch den Seelen den Weg in den Himmel erleichtern.

Am Abend sind wir mit Schwester Verena auf den Friedhof gegangen und haben an verschiedenen Gräbern verstorbener Professoren des Collegios gebetet und Blumen hingelegt sowie Kerzen aufgestellt. Ein wenig merkwürdig war dann die Messe, die gleich neben den Gräbern abgehalten wurde: Dafür wurde ein Tisch als provisorischer Altar aufgestellt und gedeckt und der Pfarrer Don Boscos las von einem Zettel ab und wirkte nicht so, als wäre es unnormal, zwischen (oder in seinem Falle fast auf) Gräbern zu stehen und eine Predigt zu halten.

Die anderen Bolivianer fanden es anscheinend auch nicht merkwürdig, da sie seinen Worten andächtig lauschten und bei den Liedern teilweise auch mitsangen, wie in der Kirche.

Nach dem „Gottesdienst“ sind wir ein wenig über den Friedhof gelaufen und haben uns die verschiedenen Gräber angesehen. Da an einigen getrauert wurde, wurden wir auch bald angesprochen, für den Verstorbenen zu beten – dabei war es egal, ob wir die Person kannten, oder nicht (oder ob wir auf Deutsch oder Castellano beten sollten), wenn man für eine Verstorbene gebetet hat, bekommt man traditionell am Allerheiligen-Abend „leche de tigre“ (Milch mit Kokosflocken und Alkohol), zum Glück in kleinen Bechern, da das Getränk teilweise recht stark ist. Dabei werden jeweils der erste und der letzte Schluck auf den Boden geschüttet, da diese für den, Verstorbenen ist, wie viel das sein soll, kann jeder selbst entscheiden (und sich somit auch vor einen kleinen Schwips bewahren 😉 ), Kinder bekommen natürlich alkoholfreie leche. Manchmal bekommt man außerdem ein Gebäck als Dank, ist aber nicht die Regel (das kommt am nächsten Tag). Wir fanden das alles schon sehr ungewohnt, vor Allem da wir die Personen, für die wir beteten, ja gar nicht kannten und dann noch als Dank etwas zu trinken bekamen… ziemlich gewöhnungsbedürftig. Noch dazu, weil die Kinder sich an die Gräber stellten, das „Ave Maria“ ziemlich unzeremoniell und eilig herunterratterten, um dafür das (alkoholfreie) Trinken und Gebäck zu bekommen, kam mir ein wenig unsensibel den Trauernden gegenüber vor, aber für die Bolivianer ist das wohl Tradition so (andere würden ja auch bestimmt Halloween, wie es bei uns und in den USA gefeiert wird, als „festliches Schnorren“ bezeichnen…).

Am nächsten Tag ging es Mittags wieder zum Friedhof, wo diesmal eine Stimmung wie auf einem Volksfest herrschte: Kinder rannten mit Plastiktüten voller Gebäck von Grab zu Grab, ratterten „Santa Maria, madre de Dios!“ das AveMaria herunter, Frauen und Männer unterhielten sich angeregt, Gräber waren mit Blumen und Gebäck, das eifrig an Betende verteilt wurden, geschmückt – der Unterschied zwischen Arm und Reich war bei Tageslicht betrachtet an den Gräbern deutlich zu sehen (wer es sich leisten konnte, kleidete die Nischengräber mit Marmor und weißem Stein aus). An Allerseelen wird keine „leche de tigre“ an die Betenden verteilt, stattdessen bekommt man sehr viel von dem traditionellen Gebäck („Wer isst das alles bitteschön?“) und die Gemeinsamkeit mit Halloween ist unübersehbar (fehlen nur noch die Verkleidungen). Unter Anderem haben wir diesmal sogar für den PadreManfredo, der eigentlich in Cochabamba begraben wurde, gebetet – ein älteres Ehepaar hat uns Chicha (eine Art gegorenes Maisgetränk, ist so beliebt wie bei uns Bier) angeboten und hatte sogar Kokosnussschalen dabei, aus denen man Chicha traditionellerweise trinkt. Der Mann meinte dabei, dass der Padre für ihn wie ein Vater gewesen sei und fragte uns, wie wir ihn kennen gelernt hatten (leider leider gar nicht).

So sieht der Friedhof an diesen Tagen uebrigens von einem kleinen Berg gesehen aus:

Eigentlich dauert das Allerheiligen-Fest drei Tage und endet damit, dass man sich auf Schaukeln setzt und sich somit quasi aus seiner Trauer „herausschaukelt“ – leider bekamen wir davon  wenig bis gar nichts mit, denn an diesem  Tag  (den 3. November) saßen wir hauptsächlich in Bussen, um zuerst nach Cochabamba und  von da aus nach Santa Cruz zu gelangen. Wir hatten vor, drei andere FSJ-ler, die wir vom BDKJ (Bund deutscher katholischer Jugend) her kannten, an ihrem Einsatzort (Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen unter Leitung eines Brüderordens) in Cotoca (einem Vorort von Santa Cruz) zu besuchen und unsere drei freien Tage dort zu verbringen. Aus unserem „kurzen Besuch“ wurde aber was ganz anderes…