November 2011 (der Monster-Beitrag)

In Cochabamba ging der Papierkram dann weiter: Zuerst riefen wir in der deutschen Botschaft in La Paz an, um zu fragen, wo genau unsere Reisepässe wären – die dafür Zuständige konnte uns diese Frage nicht genau beantworten, konnte uns aber beglaubigte Kopien von diesen sowie eine Bestätigung, warum wir in Bolivien waren und wo die originalen Pässe seien, zufaxen. Dass die Kopien trotz der Beglaubigung in keinem guten Zustand ankamen (auf meinem Foto konnte man höchstens meine Nasenspitze, ganz viel schwarz und den deutschen Adler erkennen), ließ uns bezweifeln, dass wir damit problemlos ins Migrations-Zenter gehen konnten. Seltsamerweise würdigte der Büroangestellte, an den wir uns wenden sollten, unseren Kopien nur einen flüchtige Blick und meinte dann, nachdem wir das Interpol-Dokument aus Santa Cruz vorgelegt hatten, dass alles in Ordnung wäre. Nichts weiter.

Unsere Reisepässe hatten wir davon leider nicht wieder.

Wir mussten schließlich doch noch einen weiteren Tag bleiben, da die deutsche Botschaft von La Paz die Reisepässe noch nach Cochabamba schicken musste (nachdem diese anscheinend doch aufgetaucht waren – der von David war wegen des Visums noch in Bearbeitung: Die benötigten Passfotos waren komischerweise verschwunden, sodass David diese nachschicken musste). Also ging Corinna (sie war vorgegangen, David und ich kamen erst, als alles schon erledigt war) am nächsten Tag zum Deutschen Konsulat. Die für die Reisepässe zuständige Frau berichtete ihr, dass die Deutsche Botschaft seit Monaten keine Pässe verschickt hätte und dies allmählich nachholte, sodass sich die Dokumente bei ihr nur so stapelten. Als sie anfing, eine große Kiste voller Pässe nach den unseren zu durchsuchen, fragte Corinna sie, ob sie bei der Suche helfen könne. „Och, ja!“ und mit einem Schwung bekam Corinna eine Kiste voller Pässe vor sich auf den Tisch gekippt. Wenig später hielt sie endlich, endlich unsere Reisepässe mit Visa und Allem in den Händen (David muss sich noch eine Woche gedulden, um seinen wieder zu bekommen), doch anscheinend reicht das nicht für einen Aufenthalt in Bolivien: Am Nachmittag wurde Corinna von der Angestellten des Deutschen Konsulats angerufen und informiert, dass diese doch noch etwas vergessen habe und Corinna bitte nochmal kommen solle – das wäre kein Problem gewesen, wenn das Konsulat nicht genau am anderen Ende der Stadt wäre. Also setzte Corinna sich in den nächsten Truffi und bekam am Ende von der Frau eine Art Voluntaria-Ausweis.

„Ist der wichtig oder hat er irgendeinen Zweck?“ – „Nö, aber den soll ich Ihnen geben.“

Jetzt sind Corinna und ich also im Besitz eines Ausweises, der dafür gut ist, dass wir ihn haben. Oder so ähnlich.

Trotzdem hatten wir in Cochabamba insgesamt am wenigsten Probleme mit unseren fehlenden Dokumenten gehabt.

Dafür durften wir die Schwester wieder anrufen und diese über unsere 3. (und letzte) Verspätung der Rückfahrt informieren (sie war immer noch ganz entspannt und meinte, wir sollten uns zuerst um unsere Pässe kümmern, das wäre das Wichtigste).

Auf unserer Rückfahrt am 11.11.2011 lernten wir in der flota einen Deutschen namens Dominik kennen, der in Cochabamba ein Auslandssemester macht und übers Wochenende in Independencía die Schwester besuchen wollte. Während wir irgendwann wegen einer blockierten Straße auf die Weiterfahrt warten mussten, erzählte er uns, wie es ihm bisher in Bolivien ergangen war und wie die Verbindung zwischen ihm und der Schwester ist (er kommt sogar aus dem selben Ort wie sie).

Irgendwo da hinten werden Loecher gegraben, Steine weggesprengt und sonst noch so dringende Bauarbeiten erledigt. Dafuer konnten wir den Llamas unten im Tal beim Grasen zusehen.

Zurück in Independencía entschuldigten wir uns bei der Schwester für unsere Verspätung und backten ihr als Entschaedigung einen „German Streusel“-Apfelkuchen, den wir in einem Supermarkt Cochabambas gefunden hatten:

Dann kamen noch Agnes und Elisa hinzu, zwei Deutsche, die im Centro Cultural (wo auch die örtliche Radiostation untergebracht ist) als Freiwillige arbeiten, sodass es eine recht gemütliche Runde wurde:

Die nächsten Tage zeigten wir Dominik „unser Dorf“ und gingen mit ihm auch einmal in die örtliche Karaoke-Bar, wo eigentlich nur der DJ derjenige ist, der dauernd in ein Mikro ruft und anscheinend zum Tanzen animieren soll (dafür hört man kaum etwas von der Musik, aber nach einer Zeit kann man seine Stimme ignorieren – sein Lieblingswort, das wirklich alle 30 Sekunden erklingt, ist dabei „ESOO!!“ (DAS! – ich hab keine Ahnung, was er uns damit sagen will)). Getanzt wird in zwei sich gegenüberstehenden Reihen (eine Reihe Männer, eine Reihe Frauen) und in einer Art Two-Step, ansonsten saßen einige am Rande und unterhielten sich (der Raum sah eher wie einzeckmäßig geräumter Essraum aus, wenn man von den Postern verschiedener Musikgruppen wie Metallica oder Guns’n’Roses absah; von diesen Gruppen wurde aber leider nichts gespielt). Alle 45 Minuten wird eine Musik- und Tanzpause eingelegt, in der man sich etwas zu trinken holen und sich mit den anderen unterhalten kann – am Anfang fand ich das ziemlich irritierend, weil die Bolivianer nicht so exzessiv tanzen, dass sie davon eine Pause bräuchten. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Wir haben uns jedenfalls vorgenommen, den Leuten in der Karaoke-Disco unsere Tanz- und Musikkultur etwas näherzubringen…

 

Deckchen, Deckchen – Erdnusssaft gefällig?

 

Letztens fand eine Exposicion (Austellung) der Abendschule in Don Bosco (der Konkurrenz-Schule zu der des Centros, „Fe y Alegria“) statt – es wurden u. A. Handarbeiten wie gehäkelte und bestickte Decken zur Schau gestellt und während man durch die zwei Räume, die für die Austellung bereitstanden, schlenderte, konnte man kleine Rätsel lösen oder sich vom Essen, das auf Tellern überall herumstand, bedienen.

Wir (Corinna, David, Agnes, Elisa und ich – Dominik war schon wieder zurück nach Cochabamba gefahren) lösten einen Lückentext, in dem man entscheiden musste, ob man entweder das „b“ oder das „v“ braucht (im Spanischen klingen die beiden Buchstaben fast gleich) und sahen zwei ca. 17-jährigen Schülerinnen zu, wie sie die Aufgaben 20:5 und 2×3 anhand von Tabellen und kleinen Rechteckchen lösten. Das Highlight war natuerlich das Schweineherz (das aber schon reichlich mitgenommen aussah), an dem die Anatomie des Organs noch anschaulich erklaert wurde.

 

Am Tag darauf bekam Schwester Verena eine Einladung zur Promotio 2011, die in der Don Bosco-Schule stattfinden sollte. Leider konnte sie nicht hingehen und ich hatte als Einzige Zeit, also durfte ich sie vertreten. Auf der Einladung stand, dass die Veranstaltung um 15 Uhr 30 anfangen sollte.

Um 15 Uhr 30 sah es jedoch in der Schule noch so aus:

Eigentlich hätte ich wissen sollen, dass der offizielle Beginn nicht gleich der eigentliche Beginn heißt. Ich nutzte die Zeit, mich ein wenig in der Schule umzusehen. (Was ich eigentlich in der Exposición vom Vortag schon gemacht hatte). So eine coole Aussicht haben die Don Bosco-Schüler jedenfalls übers Dorf:

Übrigens ist Don Bosco (Giovanni Melchiorre Bosco) laut Wikipedia ein italienischer katholischer Priester und Ordensgruender gewesen, der im beginnenden Industreizeitalter gewisse Erziehungsziele verfolgte (z.B. sollten die Jugendlichen lernen, die Strukturen in der Gesellschaft zu erkennen und zu bewältigen).

Um 16 Uhr kamen zwei Mädchen, die ich kannte – sie meinten, dass der Aufbau noch etwas dauern wuerde. Da sah es noch so aus:

Um 17 Uhr füllte sich allmählich der Hof mit Leuten und die Promotio 2011 konnte beginnen.

Eigentlich ist das nichts anderes als die Verabschiedung der Kindergarten-Kinder, aber da der Kindergarten sozusagen als Vorgrundschule fungiert und schon die Zahlen 1-20 (und weiter) sowie Addieren und Subtrahieren gelehrt wird, bekommen die kleinen „Estudiantes“ (Schüler) auch ein richtiges Abschlusszeugnis und alles mit Examenhut und –robe – wie in den USA.

Die Kinder wurden einzeln auf die Tribüne gebeten, dort für ein späteres Gruppenfoto aufgestellt und anschließend um ein paar Dankesworte ans Mikrofon gebeten – wie in den USA.

Als das letzte Foto geschossen wurde, tanzten die juengeren Kindergarten-Kinder (die Schwester erzählte mir später, dass der Kinder von Don Bosco mehr eine Kinderkrippe ist – was die vielen Kinder von Don Bosco-Eltern im Fe y Alegria-Kinder erklärt) mit ihren Erzieherinnen zusammen einen Tanz in traditionellen Kostümen (die Mädchen hatten sogar kleine Puppen in den typischen Deckchen gewickelt auf den Rücken) und verteilten anschließend chicha (gegorener Maissaft, sehr beliebt hier) an die Lehrer. Insgesamt hatte die Veranstaltung doch einen gewissen Unterhaltungs-Wert und nach eineinhalb Stunden Warterei und einer Stunde, die die Promotio dann tatsächlich gedauert hatte, ging ich um einige Erfahrungen und Eindrücke reicher zurück ins Centro.

Im Augenblick befinden sich dort einige Handwerker (die Risse an den Hauswänden mussten dringend geflickt werden) – auch direkt vor unserer Haustür, die jetzt das Loch, dass sie wegen der kaputten Toilette bei uns in den Gehweg schlagen mussten (und uns schon morgens früh um 7 Uhr mit ihrem lustigen Musikgeschmack (Scooter, Enrique Iglesias,…) beglückten), wieder füllen:

Als das noch ein richtiges Loch war, sind wir da abends im Dunklen dauernd darüber gestolpert, weil es wirklich direkt vor den Stufen unserer Haustür ist.