Hallo Welt!

Moin moin und herzlich Willkommen auf meinem Blog!

Mein Name ist Julia Behrends, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Oldenburg in Niedersachsen(von unserem FSJ-Trio bin ich die einzige Nordleuchte).Ich habe im Juni 2011 mein Abitur gemacht und da ich mich für Lateinamerika interessiere und vor dem Studium noch ein Stückchen von der Welt sehen wollte, habe ich mich für ein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) in Bolivien entschieden.

Die anderen beiden, mit denen ich ein Jahr in Independencia (einem kleinen Dorf in der Provinz Ayopaya in der Nähe von Cochabamba und La Paz) verbringen werde, sind:

Corinna Schneider (www.ayopaya.de/corinnaschneider)

und

David Sowa (www.ayopaya.de/davidsowa)

Das Internet in Independencia ist ein wenig langsam und wir kommen nur alle paar Wochen in die Stadt nach Cochabamba, ich versuche aber, so oft wie möglich hier über meine Erlebnisse zu berichten.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Februar 2012

Oh man, bin jetzt in der Stadt und habe das hier ganz schnell auf ein Blatt Papier geschrieben, damit ihr nicht enttaeuscht seid – das Internet in Independencia ist bis jetzt die ganze Zeit kaputt gewesen. Fotos fehlen auch noch, aber jetzt euch viel Spass beim Lesen:

 

Ueberstuerzte Abreisen

Habe ich jetzt auch wirklich alles?

Wie von einem Alpakka gebissen renne ich vom Schrank, dem Bett und meinem Rucksack hin und her, hoffend, auch ja nichts zu vergessen (warme Klamotten fuer das kalte Klima beim Salar, Schwimmzeug). Eigentlich hatte ich mir meine Abreise von Independencia nach Cochabamba entspannter vorgestellt (zumal ich schon ein Ticket fuer die naechtliche flota besitze), doch ein Anruf Elisas gestaltete meine Reiseplaene etwas anders: „Coco (Elisas und Agnes‘ Chef) will schon heute mit dem Auto nach Cochabamba und er kann uns alle drei mitnehmen!“

Ich sass vor dem Living und hielt Telefonwache („presente“ genannt) und fragte erfreut ueber die entspanntere Reisemoeglichkeit nach dem Zeitpunkt der Abreise und fiel bei der Antwort aus allen Wolken: „Moeglichst bald, so nachmittags um 16 Uhr“. Ich hatte bis 15 Uhr 30 presente und nicht ein Stueck gepackt!

Die Schwester war nicht da, sodass ich auch nicht einfach gehen konnte. Was tun? Ein klein wenig Panik kam in mir auf. Dabei hatte der Monat Februar doch so entspannt begonnen:

 

Wie das Haus immer voller wird…

Mit unserem deutschen Besuch Ann-Kathrin und Alexandra (die auch unser Zwischenseminar geleitet hatte) sind wir hinunter nach Las Vegas (die “fruchtbaren Ebenen”) mitten ins Gruen gewandert und die bluehende, gruenende Landschaft bestaunt. Wir konnten zwar nicht ganz hinunter zum Fluss, da der Trampelpfad dafuer zugewuchert war, trotzdem hatten wir einen schoenen Ausflug. Leider mussten wir uns von den beiden recht bald wieder verabschieden. Dafuer fuellte sich das Internat von einem Tag zum naechsten, quasi ueber Nacht – ploetzlich mit Schuelern, denn das neue Schuljahr hatte nach grosser Ferienpause wieder begonnen, sodass es nicht mehr ruhig und still im Centro zuging. Hinzu kam weiterer, deutscher Besuch – diesmal von Martin und seiner Freundin Kathi, die fuer ein Urlaubs-Semester Suedamerika erkunden und somit Martins FSJ-Stelle (er hatte 2007/08 in Fupajema im Dorf mitgearbeitet) besuchen wollten. WIr waren sehr erfreut ueber den netten Besuch und die Geschichten ihrer bisherigen Reise, die die beiden zum Besten gaben. Waehrend Martin und Kathi die naechsten Tage damit verbrachten, die Gegend bei Spaziergaengen zu erkunden und besichtigen (das Wetter bot dafuer das ganze Sommer-Sonne-Programm auf, dass es in der Zeit davor recht wenig gegeben hatte), durften Corinna und ich endlich wieder durchstarten: Mit dem neuen Schuljahr hatte auch der Kindergarten wieder begonnen, sodass wir von Neuem in die Rolle der profesora schluepfen konnten und die Kleinen (die ueber die Ferien teilweise tuechtig gewachsen waren) mitbetreuen. Dabei half Corinna in der Gruppe mit den juengeren, in der die meisten Neulinge waren, und ich gesellte mich zu den “Grossen” in profesora Maria Theresas Gruppe. Kurz vor Karneval, der MItte Februar gefeiert werden sollte, kamen die Kinder nur nach und nach in ihren “Kinder”, sodass wir anfangs von 26 (nun ueber 40) angemeldeten “estudiantes” nur 13 in der Gruppe hatten – das erleichterte mir wiederum die Namensmerkung ungemein, hatte ich ueber die Ferienmonate doch einige Namen vergessen. Ich durfte daher meine duerftigen Quechua-Kenntnisse auf die Probe stellen: “Imasu tiki?” (“Wie heisst du?”) – mit dem Ergebnis, dass mich die Kinder jetzt noch lieber auf Quechua als auf Castellano ansprechen (dabei reicht meine Quechua-Wortkenntnis nicht einmal zu einer Grundverstaendigung aus!). Es machte trotzdem Spass, wieder mit den Kindern spielen zu duerfen, die noch vor einigen Monaten “die Kleinen” waren und nun zu “den Grossen” gehoeren, da sie im naechsten Jahr dann zur Schule gehen – einer kam mit dieser Veraenderung noch nicht so klar: Er versuchte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in die Gruppe der juengeren nach nebenan zu gelangen, sodas ser auch immer wieder zurueck in seine neue Klasse geschickt werden musste (dass sein bester Freund bei den Kleinen war, machte es ihm obendrein auch nicht leichter).

Neben diesem Drama (Corinna musste in ihrer Gruppe zwei beruhigen, die taeglich aufs Neue darunter litten, von ihren Eltern getrennt zu sein und dies auch lauthals kundtaten) ereignete sich bei mir etwas Unangenehmes: Mein Handy, sonst so treu und zuverlaessig, gab nach dem Aufladen ploetzlich den Geist auf, sodass ich mich in eins der drei Handylaeden des Dorfes begab und dem Verkaeufer mein Leid klagte. Dieser versicherte mir, dass mein celular nicht kaputt sei und er fing sogleich an, es zu saeubern und auseinander zu bauen. Dies beanspruchte leider einige Zeit, sodass ich, als ich nach zwei Stunden wiederkam, noch weitere Augenblicke warten musste, bis der Verkaeufer mir mein Handy mit den Worten “So, jetzt ist es kaputt” in die Hand drueckte. Auf meine Frage, ob er mir denn ein neues Handy verkaufen koenne (schliesslich war bei meinem alten nur der Akku kaputt gewesen, wie der Ladenbesitzer mir erklaerte), antwortete er mit einer Gegenfrage: “Wollen Sie ein Original-Handy?”. Hoeflicherweise liess ich mir einige Modelle zeigen und deren Preise nennen (die viel zu hoch lagen) und verliess den Laden. Am naechsten Tag hatte ich in einem anderen Stand mehr Glueck und kaufte mir ein Handy – das ich nur noch registrieren lassen musste. Dabei war mir Gott sei Dank Cinda, eine der Mitarbeiterinnen des Centro Socials behilflich, die fuer mich bei dem Call-Center der Mobilgesellschaft Entel (wo meine Handy-Chipkarte registriert ist) anrief und der nuschelnden Frau (mit der schon Corinna einmal wegen ihrem neuen Handy telefoniert hatte) meine Daten durchgab. Ich hatte es anfangs auch versucht, mich mit der Call-Center-Frau zu verstaendigen, doch dies stellte sich bald als fast unmoeglich heraus: “Wie bitte? Hallo? Ja, koennten Sie das bitte noch einmal wiederholen? Ja? Bitte, was??”. Als Antwort bekam ich den gleichen genuschelten Satz, mit lauten Stimmengewirr aus dem Hintergrund gewuerzt, wie zuvor. Ich kapitulierte und reichte den Hoerer an Cinda weiter, die ohne mehrere Nachfragen jedoch auch nicht auskam. Schliesslich war sie doch erfolgreich – seit dem Tag bin ich auf dem Handy wieder erreichbar. Es sei denn, der Handyfunkmast macht wieder Probleme, aber das ist eine andere Geschichte…

 

Denn dann kuendigte sich ein weiterer deutscher Besuch an: Lisa, eine Freundin Davids, die von ihm begleitet vollgepackt ploetzlich vor mir stand und, waehrend wir beim Living in der waermenden Sonne sassen und das Telefon bewachten, erzaehlte, dass es in Deutschland gerade Minusgrade gaebe. Zwar vermisse ich momentan den Schnee total, doch konnte ich Lisa verstehen, die froh war, der Kaelte halbwegs entflohen zu sein. Das abendliche Zusammensein im Living wurde durch Martin, Kathi und Lisa (und David, da er aus gesundheitlichen Gruenden so lange in Cochabamba gelieben war) zu einem sehr schoenen, gemuetlichen Ereignis, das bedauerlicherweise nicht lange anhielt: Sowohl Martin und Kathi als auch David und Lisa mussten weiter, sodass selbst das Wetter, das bis dahin so gehorsam sommerlich-warm war, entschied, es wieder nass-kalt werden zu Lassen.

 

Schon bestand der Alltag von Corinna und mir wieder aus Kindergarten, Telefonwache und (was nun oefter vorkommen sollte) alumnos. Diese koennen ganz unterschiedlich ausfallen, haben aber eins gemeinsam: Das Betreuen der Schueler – entweder bei Hausaufgaben-, Handarbeits- oder Ausgehstunde. Letzteres hatten die Jungs am Wochenende, damit sie sich unten im Dorf mit neuen Materialien fuer die Schule eindecken konnten. Ich sollte diejenigen beschaeftigen, die im Centro bleiben wollten und aufpassen, dass sie nicht dem neuesten Trend nachgingen: Die fuer Karneval zum Verkauf angebotenen Luftballons und Wasserpistolen fuellen und sich gegenseitig damit abspritzen und (im Falle der Luftballons) bewerfen. Dabei fragte mich einer der Jungs, al ser gerade einen grossen Schluck aus der ihm angebotenen Wasserflasche nehmen wollte: ”Gibt es eigentlich auch Wasser in Deutschland?”

 

Aber nun wieder zu den Reisen: Nachdem  schon Corinna aufgrund dringender Studien-Bewerbungen und der Internet-Problematik in Independencia (seit Wochen heisst es “no hay servicio”) von einem Tag zum naechsten sich nach Cochabamba begab, fragte ich die endlich aufgetauchte Schwester Verena, ob ich ebenfalls packen duerfte, da ich bei Coco mitfahren durfte. “Ja, wann geht es denn los?” – “Heute. Jetzt!” und mit diesen Worten sauste ich in mein Zimmer.

Nach weiteren Anrufen seitens Elisa, die mich weiter zur Eile antrieb, stehe ich in (fuer mich) Rekordzeit vor meinem gepackten Rucksack und gehe noch einmal alles durch: Pullis, dreckiges Geschirr gewaschen, Muelleimer geleer – Muell!! Ohje, wenn das nicht knapp wird! In wilder Hast schuette ich den Inhalt unseres Muelleimers in die naechste Feuertonne, fege so gut es geht das Zimmer aus und befinde mich dann endlich mit Sack und Pack auf dem Weg hinunter zum Centro Cultural, wo ich auf Coco, Agnes und Elisa treffen soll. Dabei faellt mir auf, dass es das erste Mal ist, dass ich in dieser Reisemontur bei Tageslicht das Dorf durchquere: Hatten wir dies vorher aufgrund der fruehen Abfahrtszeiten der flota bei Nacht unauffaellig getan, kommt es mir nun so vor, als wuerde ich einen Elefanten auf dem Ruecken spazieren tragen – von mehreren Dorfbewohnern werde ich verstohlen beaeugt (mit was laeuft die gringa denn da rum? – ich hoffe instaendig, dass die Jungs mich nicht mit ihren Wasserbomben abwerfen) und als mich eine Ladenbesitzerin nach meinem Reiseziel fragt, blickt sie mich bei meiner Antwort (Cochabamba – Oruro – Salar de Uyuni) ganz erstaunt an. Noch eins ist anders als sonst: In der Nachmittagssonne ist es in Pulli und anderen dicken Klamotten viel zu heiss, doch fuer die Reise brauche ich warme Klamotten – spaeter wird es ganz schoen kalt werden. Endlich unten bei Cocos Auto angekommen, wird mir auch wenig spaeter mein Rucksack abgenommen und mit den anderen Gepaeckstuecken aufs Dach des Wagens verfrachtet. Schliesslich geht es nach etwas Warterei los: Mit knapp 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit rumpelt der Jeep ueber Stock und Stein – immer am Berg entlang – waehrend sich in den naechsten 9 Stunden Fahrt (immerhin 1 Stunde weniger als Corinna mit der flota gebraucht hatte) abwechselnd Regenschauer und dichte Nebelbaenke (Sichtweite unter 4 Meter) ueber dem Auto auslassen und eine klare Sicht beinahe unmoeglich machen. Doch des Nachts kommen wir heil in Cochabamba bei Cocos Hausa n, wo ich, dank Cocos Gastfreundschaft, auch uebernachten darf. Die Hektik hat sich gelohnt – Coco sei Dank sind wir frueher als erhofft in der Stadt angekommen.

 

Das war mein Februar – bis jetzt. Auf mich warten noch der Karneval in Oruro (das Fest des Teufels) und eine Tour am Salar de Uyuni. Mit dabei: Corinna, Lewin, Eva, Daniel und Victor Hugo – mein selbstgemachtes Haekelschwein 😉

 

Ich hoffe, ihr hattet viel Spass beim Lesen – liebe Gruesse, eure Julia

 

Januar 2012

Weitere Fotos folgen noch, ich wollte euch nur nicht allzu lange warten lassen..

Das neue Jahr 2012

 

KilliKilli ist eine Aussichtsplattform von La Paz, von der man eine atemberaubende Aussicht auf fast die ganze Stadt bekommt. Und kurz vor Neujahr, wo schon einige übereifrige Bolivianer ihre Feuerwerksbegeisterung überall kundtaten, sieht alles noch viel schöner aus – wodurch wir auch fast vergaßen, wie viel Zeit wir noch bis Mitternacht hatten (unsere Uhren zeigten allesamt eine andere Zeit an). Schließlich stimmten wir einfach in den Countdown der Familie neben uns an:

„Diez…nueve…ocho…siete…seis…cinco…cuadro…tres…dos..uno…

 

FELIZ AÑO NUEVO!!”

 

Habe ich erwähnt, dass Feuerwerke von KilliKilli aus betrachtet einfach toll aussehen? An Silvester, als auch wirklich alle das neue Jahr begrüßten, konnte man sich kaum daran satt sehen!!

Überall standen Leute herum, umarmten und beglückwünschten sich, ließen Sektkorken knallen (obwohl das bei dem bolivianischen Sekt nicht so ganz funktioniert) und sich von der allgemeinen Begeisterung und Feierlaune der Menschen von La Paz anstecken. Sogar das Fernsehen war dabei und filmte ein paar Deutsche, die sich lachend umarmten und in die Kamera strahlten, was ungefähr so aussah:

Insgesamt war es ein wirklich tolles Erlebnis, dort oben auf der Plattform zu stehen, das Feuerwerk zu betrachten und gemeinsam zu wissen: Ein neues Jahr beginnt…

 

Wir konnten uns erst spät von dem Anblick von KilliKilli aus losreißen, denn wir hatten uns ja Karten – oder eher wohl Armbänder – für eine Neujahrs-Feier besorgt, die in einer überdachten Parkgarage eines Kinos (bei den Toiletten hingen Plakate von deutschen Filmen wie „Sonnenallee“ oder „Ein Freund von mir“, die für eine Filmvorführungs-Aktion des Goethe-Institutes warben) stattfand. Anfangs war es noch ganz schön, an so einem ungewöhnlichen Ort das neue Jahr zu feiern, doch nach einiger Zeit war ich über die doch recht langsame Reggae-Musik der verschiedenen Bands, die auftraten, nicht allzu begeistert. Es war aber trotzdem nett, sich mit den verschiedenen Leuten, die zeitweise in vollkommener Ekstase um einen herumtanzten, zu unterhalten

 

DieYungas

 

Am zweiten Januar herrschte rege Aufbruchsstimmung in unserem Hostal-Zimmer: Schon um 6 Uhr standen alle auf, um sich für die „Death Road“ – El Camino de la Muerte(Link) bereit zu machen – alle, bis auf mich (das Essen bei dem kleinen, asiatischen Restaurant am 31. Dezember war mir dann doch nicht so gut bekommen). Christina und Doris wollten aufgrund ihrer Sorge vor schlechtem Wetter diese Tour ebenfalls nicht mitmachen und so machten wir aus, uns am Busbahnhof Villa Fatima zu treffen.Von dort führen Minibussenach Choroico, einem Touristenort in den Yungas (LINK). Ich hatte aufgrund der vorherigen Reisen mit flotasnatürlich mit einem richtigen Busbahnhof gerechnet – stattdessen sieht Villa Fatima eher so aus:

 

Nach einigen Verhandlungen mit den schreienden Damen, die unbedingt ihre Autofahrt in dieYungas anpreisen wollten, ging es los.

 

 

Anfangs war die Landschaft neblig, teilweise recht karg und wollte nicht so recht an die tropisch-warmen Yungas erinnern (zumal es nicht merklich bergab ging), doch nach und nach wechselte sich die Kargheit mit einigem Grün ab, sodass wir nach mehr als zwei Stunden Fahrt eine schöne Aussicht auf Choroico hatten – und die Death Road, die dorthin führte:

 

Und schließlich kamen wir noch vor den mutigen Death Road-Bezwingern in Choroico an und ich, da ich die staubige und graue Gegend Independencias gewöhnt bin, glaubte mich in einem anderen Land: Alles war grün und hatte einen leicht karibischen Flair – vom Marktplatz mit den vielen Palmen und Restaurants zum Verweilen bis hin zu unserem Hotel Sol y Luna (Link). Die Anlage ist total schön und voller exotischer Pflanzen und ist bis auf das Hauptgebäude in viele einzelne, kleine (aber sehr hübsche) Unterkünfte eingeteilt: Doris hatte ein anderes und schickeres Zimmer als wir gebucht, sodass sie allein in einer Cabaña mit eigener Küche und Bananenstauden direkt vor der Haustür (wir konnten sogar handgroße Schmetterlinge beobachten) übernachtete. Auf ihrer kleinen Terrasse hatte man übrigens diese Aussicht auf die Stadt:

 

Nach der ersten Übernachtung in denYungaswollten wir natürlich die Gegend erkundigen und eine der vielen Ausflugsangebote der Touristeninformation nutzen. Wir entschieden uns bald für eine Tour zum Río Negro (dem Schwarzen Fluss), da die Landschaft und dort lebenden Tiere (Schmetterlinge, vielleicht mal einen Affen) am interessantesten zu sein schien und schon ging es mit dem Auto zu einer Anhöhe, von der wir auf einem engen Trampelpfad den Hang entlang hinunter zum Fluss kraxeln sollten. Da der Pfad recht schmal und von dornenbewachsenen Pflanzen geradezu überwuchert war, mussten wir hintereinander im Gänsemarsch laufen, wobei wir uns ein paar ordentliche Kratzer an den Beinen holten und einige Male auch ausrutschten. Affen hatten wir dabei leider keine zu sehen bekommen (unser Guide meinte, dass diese scheuen Tiere lieber dann kämen, wenn weit und breit kein störender Mensch zu hören oder zu sehen wäre. Schade). Dafür bekamen wir etwas zu tun, als wir schließlich am Fluss, aber leider auf der falschen Uferseite ankamen:Wir sollten mit unseren ganzen Sachen (Rucksäcken mit Essen und Getränken fürs spätere Picknick am Flussbett) quer durch die Strömung waten – die Guides halfen uns kurzerhand mit einem über dem Fluss gespannten Seil, an dem wir uns festhalten konnten.

Doch davor bekam ich noch eineunangenehme Nachricht: Meine Kamera, auf die Daniel die Wanderung hindurch aufgepasst hatte, war nicht mehr da! Daniel lief sofort den ganzen Weg wieder zurück und suchte alles ab, aber währenddessen mussten wir anderen durch das hüfthohe Wasser waten und der zum Teil ziemlich starken Strömung standhalten. Barfuß ging es weiter über das steinige Flussbett zu einem Wasserfall, den man aber leider aufgrund der Strömung nicht erreichen konnte – es sah trotzdem toll aus. Nach der Wanderung waren wir alle zerkratzt und verschwitzt, weswegen wir uns in die reißenden Fluten stürzten, dort aber nicht lange verweilen konnten: Das Wasser war zwar sehr erfrischend, auf Dauer jedoch ein wenig zu kalt. Es eignete sich aber gut, um unsere Getränke zu kühlen (dass diese aufgrund der Strömung wenig später verschwunden waren, hatten wir nicht bedacht). Mit Wassermelone, Keksen, Broten und weiteren Leckereien, die David in Choroico erstanden hatte, machten wir es uns auf den Steinen bequem und genossen das schöne Wetter. Wenig später tippte mich einer der Guides an und zeigte hoch auf den Berg, den wir hinuntergestiegen waren: Dort stand Daniel und wedelte mit den Armen. Anscheinend hatte er meine Kamera wiedergefunden, denn schon bald stieß er atemlos zu uns und händigte mir meinen Fotoapparat aus. Und ich hatte schon befürchtet, mir in La Paz einen neuen kaufen zu müssen. Aber Daniel sei Dank ist mir das ja erspart geblieben…

 

Da wir uns noch im Touristeninformationsbüro dafür entschieden hatten, ein Auto nur für die Hinfahrt zu brauchen, machten wir uns bald zu Fuß auf den langen Rückweg nach Choroico. Hin und wieder deutete unser Guide auf einige Bäume am Wegesrand und erklärte uns, welche Früchte diese einmal tragen würden, zum Beispiel Maracuyas:

 

 

Auch Daniel entdeckte eine reife Frucht in einem Mangobaum, kletterte sofort hinauf in die Äste und schon hatten wir einen kleinen Proviant für den langen Weg. Am Ende fertigte der Guide mit einem grasartigen Gewächs laut seinen eigenen Worten Shampoo her (er zerpflückte und zerrieb die Pflanze einfach in seiner Hand. Es wollte sich aber gerade keiner von uns die Haare waschen – auch nicht mit Naturshampoo).

 

Der Tag endete mit einer zufriedenen Erschöpfung über dieses kleine Río-Negro-Abenteuer, das aber noch dadurch getoppt wurde, dass unseine Fledermaus einenkurzen Besuch in unserem Zimmer abstatte – sie war aber genauso überrascht und aufgeregt wie wir und entschwand nach kurzem Hin- und Hergeflatter wieder aus dem Fenster.Schade, ich hätte sie noch zu meinem letzten Kartenspiel als 18-jährige eingeladen – denn bis Mitternacht war es nicht mehr weit…

 

 

„Alles Gute zum Geburtstag!!“

 

wurde es mir pünktlich zum 4. Januarum 0 Uhr 0 von allen Seiten entgegen geflüstert – da wir im Flur beim Tisch genau vor den anderen Zimmertüren saßen und die anderen Hotelgäste nicht wecken wollten, mussten wir auch dementsprechend leise sein. Es war trotzdem schön, herzlich beglückwünscht zu werden, zu wissen, dass man ein Jahr älter geworden war und ein nicht wirklich geheim gehaltenes Geschenk bekam: Eine echte, bolivianische Holzflöte (das Mundstück war sogar angeblich aus Alpakkaknochen). Für den letzten Tag in den Yungas hatten wir noch einiges vor, weswegen wir auch schnell ins Bett gingen, denn um 9 Uhr sollten Corinna, Daniel, Eva, Lewin und ich am Touristeninformationsbüro sein – schließlich wollten wir das Erlebnis Paragliding machen.

Einige Stunden Schlaf später wurden Eva und Daniel um 9 Uhr als Erste vom Touri-Büro in einem Auto mitgenommen und hoch auf einen Berg gefahren, von wo sie starten und mit zwei netten Herren und ihren Paraglidern die Welt (oder eher die Yungas) von oben sehen sollten. Lewin, Corinna und ich durften derweil auf das Auto warten, dass uns ebenfalls auf den Berg bringen sollte – nach mehr als einer Stunde Warterei kam es endlich und als wir oben waren, mussten wir feststellen, dass auch Daniel und Eva während der Zeit nur gewartet hatten, da noch einige vor uns das Paragliding-Erlebnis machen wollten. Uns wurde da noch gesagt, dass wir alle locker um 12 Uhr fertig seien – wir wollten nämlich am gleichen Tag noch zurück nach La Paz und von da aus mit einer flota weiter nach Cochabamba fahren (Schwester Verena erwartete uns am 5. Januar in Independencia). Um 11 Uhr war der Wind so günstig, dass sowohl Daniel als auch Eva in die Lüfte entschwinden konnten – aber nach über einer halben Stunde nicht wieder hinunterkamen (im Touristenbüro wurde ein Flug von mindestens 15 Minuten angeboten). Da wussten wir schon, dass es lange dauern würde und Corinna und Lewin überredeten die Fahrerin des Autos, die mit uns auf dem Berg wartete, mit ihnen wieder hinunter ins Dorf zu fahren, um Pizza zu holen. Denn als schließlich auch Daniel mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, sollte eigentlich ich an der Reihe sein – doch dann hieß es „Der Wind ist zu schwach, wartet mal lieber und esst eure Pizza. Dauert nicht mehr lange“. Aus dem „nicht mehr lange“ wurde leider eine Stunde Warterei. Die dunklen Regenwolken, die sich anfangs weit entfernt am Horizont angekündigt hatten, kamen immer näher und kündigten eine ungemütliche Zeit an.

Aus dem „ja, gleich“ wurden zwei Stunden. Es war drei Uhr nachmittags und wieder mal erlebten wir die „Bolivian Standard Time“: Es passiert, wenn es passiert – bis dahin muss man warten. Was wir, untermalt mit Lewins Zumbestengeben einiger Lieder auf seiner Gitarre und viel Nutella, kräftig taten. Es wurde vier Uhr und wir allmählich ungeduldig, wollten wir doch schon längst in La Paz sein und uns auf dem Weg nach Cochabamba oder Santa Cruz machen. Manchmal bewegte ein laues Lüftchen die Windfahne, die extra aufgestellt wurde, aber mehr passierte leider nicht. Als es schließlich fast fünf Uhr war, kam einer der Paraglide-Flieger auf mich zu und meinte, dass sie nur noch auf den richtigen Windstoß warten würden und es eigentlich schon bald losgehen würde. Ich hegte aufgrund der langen Warterei über ein „gleich geht es los“ so ziemlich meine Zweifel, ließ mich aber in die kurzen Sicherheitsanweisungen ein, bekam einen Gurt mit Rucksack angeschnallt und einen Helm aufgesetzt. Der Mann, mit dem ich an dem Paraglider hängen sollte und der fürs Lenken zuständig war, wandte sich dann an mich und wies mich an:

„Okay, wenn ich sage „Renn!“, dann rennst du los, verstanden? Wir müssen mindestens 20 km/h draufhaben, damit wir abheben können!“. Dabei deutete er auf den Hang mit seinem Gestrüpp, durch das ich durchrennen, aber bitte nicht überspringen sollte. Ich dachte an Daniel und Eva, die beide erst beim zweiten Versuch losgeflogen sind und anfangs ziemliche Bauchlandungen hingelegt hatten – das wollte ich natürlich vermeiden, weswegen ich die folgenden 10 Minuten, in denen wir wieder mal warteten (der Paraglide-Flieger auf den Wind und ich auf sein Kommando).

Und plötzlich hieß es „RENN LOS!“.

Ich nahm die Beine in die Hand und rannte gegen den Widerstand meines Gurtes und des Gewichts meines Mitfliegers an, über den Hang und die kleinen Büsche – und plötzlich war ich in der Luft!

Von einem Paraglider die Welt von oben zu betrachten war im ersten Minuten gar nicht so aufregend, wie ich gedacht hatte: Ich saß sicher auf dem kissenartigen Rucksack, der an meinem Gurt befestigt war und wusste, dass der Bolivianer hinter mir die Lenkschlaufen sicher in den Händen hielt. Meine Ansicht änderte sich erst, als er mich aufforderte, doch mal selbst zu lenken. Da wurde aus dem sanft daher gleitenden Drachen ein jederzeit abstürzendes, wackliges Unterfangen, in der Luft zu bleiben. Erst nach einer Schreckminute bekam ich heraus, was für eine Aufgabe ich da bekommen hatte, und versuchte mein Bestes, den Drachen in die angegebene Richtung – einem großen Sportplatz bei einem kleinen Örtchen nahe des Flusses, in deren Thermik wir uns befanden. Ich hätte noch Stunden so weiterfliegen können (Paragliding hat einen sehr hohen Suchtfaktor, schon gewusst?), aber da es bereits ein wenig dunkelte und die anderen immer noch auf dem Berg auf mich und Corinna (die es mit dem anderen Paraglide-Flieger in die Lüfte geschafft hatte) warteten, landeten wir ein wenig unelegant (mit dem kissenartigen Rucksack zuerst, Beine bitte gerade gestreckt) auf dem harten Boden des Fußballplatzes und warteten auf die Frau, dass sie uns mit ihrem Auto abholen käme. Nach uns schaffte es noch Lewin, das Paragliding zu erleben, doch auch er landete am Sportplatz, einige Autominuten von Choroico entfernt, sodass wir bis weit nach unserer festgelegten Zeit, um zurückfahren zu können, erst Richtung La Paz aufbrechen konnten.

Den Rest meines Geburtstages verbrachte ich zusammen mit den anderen, eingepfercht zuerst in einem Minibus nach La Paz, dann in einem Taxi zum Busbahnhof nach El Alto und schließlich in einer flota mit angeblichen Schlafliegesitzen um 23 Uhr 50 nach Cochabamba. Das Foto, das Daniel in diesem Zeitpunkt gemacht hat und uns recht erschöpft in der flota zeigt (mich mit vor Sonnenbrand knallrotem Gesicht), lasse ich hier mal lieber außer Acht.

 

Fotos zum Paragliden kommen aber noch

 

 

Neues aus dem Centro Social

 

Das Vorhaben, am 5. Januar wieder in Independencia zu sein, scheiterte schon bei unserer Ankunft in Cochabamba: Da es schon weit nach der Abfahrtszeit (5 Uhr morgens) der einzigen flotawar, die uns in unser Dorf gebracht hätte, mussten wir einen Tag in der Stadt verbringen (Eva, Daniel und Lewin, war es gelungen, direkt am Busbahnhof eine flota nach Santa Cruz zu ergattern). Doch am Dreiköngistag, dem 6. Januar, gelang uns die Rückkehr in unser Dorf mit nur einer kleinen Verspätung aufgrund einiger Bauarbeiten und obwohl wir nur etwas über eine Woche weg waren, war im Centro Social schon einiges geschehen:

 

–          Ch‘itin, der kleine gefälschte Schäferhund-Welpe war verschwunden, sodass wieder nur drei Hunde das Centro bewachen

–          nach 15 Jahren wird die Fassade des Gebäudes von mehreren Arbeitern wieder frisch getüncht und mit neuer, gelber und grauer Farbe gestrichen

–          unsere Zimmernachbarin war aus- und in ihr neu gekauftes Haus gezogen

–          die vorher stets gut verschlossene Tür in unserem Zimmer steckt war plötzlich geöffnet und offenbarte: Eine (wenn auch ein wenig kleine) Küche!

 

 

Auch staunten wir nicht schlecht, als uns Schwester Verena eine neue Aufgabe erteilte: Wir sollten den neuen Colegio-Schülerinnen, die kurz vor uns für einige Tage angekommen waren, vormittags und nachmittags für zwei Tage ein wenig Englisch-Unterricht geben! Anfangs hielten wir das für kein Problem, doch als wir uns in Gruppen aufteilten und jeder 3-4 teilweise sehr verlegen dreinschauende Mädchen vor sich hatte, kamen mir die ersten Bedenken: Wie bringt man Teenagern am besten Englisch bei? Ich fing einfach damit an, sie zu fragen, was sie schon alles wüssten – ein paar zaghafte „One, two, three, four, five“-Vorträge waren die Antwort (ein Mädchen hatte seit zwei, zwei Mädchen seit einem Jahr und das vierte Mädchen hatte noch nie zuvor Englischunterricht gehabt). Da ich eine Tafel in meinem Rücken hatte, fing ich an, diese zu Nutze zu ziehen und meiner Gruppe die Zahlen beizubringen – ich hoffte, dass die Mädchen diese am Nachmittag, wenn wir wieder Unterricht hatten, noch wussten. Ich glaube, für den Lehrerberuf bin ich nicht geeignet…

 

Am zweiten Englischunterrichts-Tag lösten wir unsere Gruppen wieder auf und gaben allen Mädchen zu dritt gemeinsam Unterricht – und fingen mit den Körperteilen des Menschen und einem dazu passenden Lied („Head andshoulders, kneesandtoes, …“) an. Es war ein wenig langwierig, die richtigen Wörter, die wir doch am Tag zuvor so lange gelernt hatten, aus den Mädchen heraus zu bekommen, doch irgendwann klappte auch das Singen (wenn auch nur sehr zaghaft) und es machte Spaß, neue Wörter mit ihnen zu lernen.

Am Ende des Tages hatten wir es sogar geschafft, mit den Mädchen ein Bild über den menschlichen Körper und den dazu passenden, englischen Vokabeln zu fertigen:

 

Da wir zwischen den Unterrichtsstunden viel Zeit hatten, nutzten wir diese und die Tatsache, dass am selben Tag im Centro-eigenen Lehmofen Brot gebacken wurde und dieser noch heiß war, und setzten einen lang gehegten Plan seitens David in die Tat um:

 

Wir backten Pizza!

 

Schon am Tag zuvor hatte David sich um die Teigzusammensetzung (insgesamt wurden es am Ende vier Pizzen) und die Zutaten für den Belag (Käse, Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln, …) gekümmert, sodass wir nur noch die Hilfe Don Encarnos benötigten, der zusammen mit David die Pizzen belegte

 

 

und sie wenig später in den Ofen schob:

 

 

natürlich durfte David auch tatkräftig mithelfen:

 

Und dann: Tada!

 

(Übrigens: Don Encarno hat das Foto gemacht…)

 

Leider hatten wir nicht genügend Zeit, die Pizza zu genießen – der Englischunterricht sollte beginnen – weswegen wir die Mädchen einfach mit einer kleinen Zwischenmahlzeit überraschten, die sie sich auch schmecken ließen:

 

Die restlichen zwei Pizzen, die nach dem Unterricht noch gebacken werden mussten, genossen wir zusammen mit Agnes und Elisa und spendierten den Rest denjenigen, die dem Living einen Besuch abstatteten. Obwohl die Pizzen sehr lecker waren, reichte die Hitze des Lehmofens anscheinend doch nicht genügend aus, um den Teig völlig gar zu bekommen.

Es wird aber hoffentlich nicht das letzte Mal sein, dass wir den Lehmofen derart zweckentfremden und zu Pizza- statt Brotbäckern werden J

 

Eines anderen schönen Tages bekam Schwester Verena Besuch aus Cochabamba – eigentlich nichts Ungewöhnliches, doch ich stutzte ein wenig, als sie sich mit einen der Herren auf Deutsch unterhielt. Dieser, sein Name war Hermann, stammte tatsächlich aus Bayern, war schon viele Male in Bolivien, aber zum ersten Mal in Independencia zu Besuch. Die beiden anderen – Doña Gregoria und Don Pepe – sollten später bei der Reunión dabei sein, wenn es hieß, die versammelten Bolivianer über die Schulkredite aufzuklären. Wir durften einzeln auch einmal ein wenig Mäuschen spielen und zuhören, wie es finanziell um Studierende stand. Als ich dabei war, sollte zum Beispiel ein Zettel ausgefüllt werden, den Don Enóc (seines Zeichens zweiter Chef des Centros) erklärte: „Hier unten steht die Rubrik Kuh, wenn Sie also Kühe haben, geben Sie an, wie viele Sie haben. Darunter stehtSchafe – wie viele Schafe haben Sie? Und für diejenigen, die etwas weiter oben wohnen: Haben Sie Lamas?“

 

 

 

Casper, Melchior, Balthasar…oder so

 

Mittlerweile sind schon mehrere Tage seit Silvester und meinem Geburtstag vergangen und eines stand dem Centro noch bevor: Schließlich prangte an jeder, aber auch jeder Tür des Gebäudes noch der Segensspruch mit dem Datum des letzten (an einigen sogar mit dem des vorletzten) Jahres. Natürlich musste dies umgehend geändert werden und so versammelten wir uns eines Abends vor der Centro-eigenen Kapelle und nach einem kurzen Gebet und einigen Quechua-Liedern ging die Haussegnung los: David, der schließlich der größte weit und breit ist, wurde mit Kreide und der Aufgabe bewaffnet, an jedem Türrahmen den neuen Segensspruch mit dem Ende +12 zu schreiben. Er durfte sich der kleinen Menschengruppe anschließen, die im Gänsemarsch ums Centro lief und folgendes tat:

Zuerst wurde alles mit Weihrauch eingehüllt, den Doña Gregoria alsPulver in einer kleinen Tüte trug und ihn immer wieder in die Schüssel mit Kohlen gab, die Don Román mit einer Zange hielt. Hinterdrein liefsingend Hermana Eugenia, ein Liederbuch in der einen, einen Eimer Weihwasser in der anderen Hand. Dicht gefolgt kam Don Andrés, seines Zeichens Gärtner des Centros, mit einem Strauß Margeriten, in der anderen Hand ein Büschel Rosmarin, das er immer wieder in das Weihwasser tunkte und alles, was ihm vor die Nase kam, damit besprengte.

Singend, Don Román mit der Schüssel voller Kohle folgend, durschritt diese kleine Menschengruppe nun alle Räumlichkeiten des Centros (die Bäder ausgenommen), die ihnen geöffnet wurden – an geschlossenen Türen gingen sie schnurstracks vorbei. Die letzte Station bildete schließlich das Casa Copacabana, in dem die Missioneras Quechuas untergebracht sind, und das Pater Manfredo vor knapp 12 Jahren erbauen ließ – in einem kleinen Gebetsraum ließen wir die Haussegnung ausklingen, setzten uns schließlich gemeinsam an einem großen Tisch und verspeisten die letzten Weihnachtsplätzchen.

 

 

Das waren die ersten Wochen meinerseits im Jahr 2012 – für die nächsten Wochen stehen Corinnas Geburtstag und das Zwischenseminar in Cochabamba an!

 

November 2011 (der Monster-Beitrag)

Ich weiss, ich bin schon seit September in Bolivien und ich schulde euch noch meine Erlebnisse von diesem und dem naechsten Monat, Oktober, aber wegen technischen Schwierigkeiten kann ich euch erst einmal nur November bieten. Ich wuensche euch trotzdem viel Spass beim Lesen:

 

Allerheiligen, Allerseelen

Am Mittag des 1. November waren so viele beim Essen da, dass wir in den Schülersälen 1 und 2 aßen (die Gäste in dem einen, die Mitarbeiterinnen und wir in dem anderen). Traditionsgemäß  wurde zuerst eine weiße Cremesuppe gereicht, in die man sich nochje nach Belieben Fleisch und Pommes hinzutun konnte; danach gab es eine würzige, rote Suppe, in die man ebenfalls Fleisch, salzige Teigtaschen und kleine Kartoffeln für sich hinzufügte (das alles machte ziemlich pappsatt).

Nach dem Essen konnte man zu den einzelnen Häusern gehen, die jemanden betrauerten, um die „Altare“, die sie für die verstorbene Person aufgebaut hatten, zu besuchen. Wenn man für den oder die Verstorbene gebetet hatte, bekommt man als Dankeschön eine Art Präsentkorb mit verschiedenen, traditionellen gebackenen Leckereien.

In Bolivien wird 3 Jahre lang um eine gestorbene Person getrauert und da PadreManfredo erst kürzlich verstorben ist, wurde ihm auch im Centro im Sala San Bonifacio ein Tisch sehr schön, festlich gedeckt und aufgestellt:

Die gebackenen „Leitern“ sollen symbolisch den Seelen den Weg in den Himmel erleichtern.

Am Abend sind wir mit Schwester Verena auf den Friedhof gegangen und haben an verschiedenen Gräbern verstorbener Professoren des Collegios gebetet und Blumen hingelegt sowie Kerzen aufgestellt. Ein wenig merkwürdig war dann die Messe, die gleich neben den Gräbern abgehalten wurde: Dafür wurde ein Tisch als provisorischer Altar aufgestellt und gedeckt und der Pfarrer Don Boscos las von einem Zettel ab und wirkte nicht so, als wäre es unnormal, zwischen (oder in seinem Falle fast auf) Gräbern zu stehen und eine Predigt zu halten.

Die anderen Bolivianer fanden es anscheinend auch nicht merkwürdig, da sie seinen Worten andächtig lauschten und bei den Liedern teilweise auch mitsangen, wie in der Kirche.

Nach dem „Gottesdienst“ sind wir ein wenig über den Friedhof gelaufen und haben uns die verschiedenen Gräber angesehen. Da an einigen getrauert wurde, wurden wir auch bald angesprochen, für den Verstorbenen zu beten – dabei war es egal, ob wir die Person kannten, oder nicht (oder ob wir auf Deutsch oder Castellano beten sollten), wenn man für eine Verstorbene gebetet hat, bekommt man traditionell am Allerheiligen-Abend „leche de tigre“ (Milch mit Kokosflocken und Alkohol), zum Glück in kleinen Bechern, da das Getränk teilweise recht stark ist. Dabei werden jeweils der erste und der letzte Schluck auf den Boden geschüttet, da diese für den, Verstorbenen ist, wie viel das sein soll, kann jeder selbst entscheiden (und sich somit auch vor einen kleinen Schwips bewahren 😉 ), Kinder bekommen natürlich alkoholfreie leche. Manchmal bekommt man außerdem ein Gebäck als Dank, ist aber nicht die Regel (das kommt am nächsten Tag). Wir fanden das alles schon sehr ungewohnt, vor Allem da wir die Personen, für die wir beteten, ja gar nicht kannten und dann noch als Dank etwas zu trinken bekamen… ziemlich gewöhnungsbedürftig. Noch dazu, weil die Kinder sich an die Gräber stellten, das „Ave Maria“ ziemlich unzeremoniell und eilig herunterratterten, um dafür das (alkoholfreie) Trinken und Gebäck zu bekommen, kam mir ein wenig unsensibel den Trauernden gegenüber vor, aber für die Bolivianer ist das wohl Tradition so (andere würden ja auch bestimmt Halloween, wie es bei uns und in den USA gefeiert wird, als „festliches Schnorren“ bezeichnen…).

Am nächsten Tag ging es Mittags wieder zum Friedhof, wo diesmal eine Stimmung wie auf einem Volksfest herrschte: Kinder rannten mit Plastiktüten voller Gebäck von Grab zu Grab, ratterten „Santa Maria, madre de Dios!“ das AveMaria herunter, Frauen und Männer unterhielten sich angeregt, Gräber waren mit Blumen und Gebäck, das eifrig an Betende verteilt wurden, geschmückt – der Unterschied zwischen Arm und Reich war bei Tageslicht betrachtet an den Gräbern deutlich zu sehen (wer es sich leisten konnte, kleidete die Nischengräber mit Marmor und weißem Stein aus). An Allerseelen wird keine „leche de tigre“ an die Betenden verteilt, stattdessen bekommt man sehr viel von dem traditionellen Gebäck („Wer isst das alles bitteschön?“) und die Gemeinsamkeit mit Halloween ist unübersehbar (fehlen nur noch die Verkleidungen). Unter Anderem haben wir diesmal sogar für den PadreManfredo, der eigentlich in Cochabamba begraben wurde, gebetet – ein älteres Ehepaar hat uns Chicha (eine Art gegorenes Maisgetränk, ist so beliebt wie bei uns Bier) angeboten und hatte sogar Kokosnussschalen dabei, aus denen man Chicha traditionellerweise trinkt. Der Mann meinte dabei, dass der Padre für ihn wie ein Vater gewesen sei und fragte uns, wie wir ihn kennen gelernt hatten (leider leider gar nicht).

So sieht der Friedhof an diesen Tagen uebrigens von einem kleinen Berg gesehen aus:

Eigentlich dauert das Allerheiligen-Fest drei Tage und endet damit, dass man sich auf Schaukeln setzt und sich somit quasi aus seiner Trauer „herausschaukelt“ – leider bekamen wir davon  wenig bis gar nichts mit, denn an diesem  Tag  (den 3. November) saßen wir hauptsächlich in Bussen, um zuerst nach Cochabamba und  von da aus nach Santa Cruz zu gelangen. Wir hatten vor, drei andere FSJ-ler, die wir vom BDKJ (Bund deutscher katholischer Jugend) her kannten, an ihrem Einsatzort (Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen unter Leitung eines Brüderordens) in Cotoca (einem Vorort von Santa Cruz) zu besuchen und unsere drei freien Tage dort zu verbringen. Aus unserem „kurzen Besuch“ wurde aber was ganz anderes…

Letzter Tag (leicht nervös)Last Day (slightly nervous)

...oder leichter...Kurioserweise soll das da meinen supertollen Rucksack darstellen. Den ich jetzt irgendwie tragen muss...

So, heute ist es soweit: Die Tage meines Oldenburger Lebens sind gezählt, denn um 12 Uhr gehts ab zum Frankfurter Flughafen und 10 Stunden später Up in the Air. Ich bin schon ziemlich aufgeregt, aber gleichzeitig ist es trotzdem ein wenig komisch…

Es fühlt sich irgendwie merkwürdig an, seine Sachen in den Koffer zu packen und zu wissen, dass man ein Jahr lang nicht mehr nach Hause kommt und dass die Klamotten, die Medikamente und der ganze Rest so lange reichen müssen. Überhaupt besteht mein Gepäck gefühlt zu 40% aus Medikamenten, darunter sind ca. 20% von der „was wäre, wenn…“ und „es könnte ja sein, dass“-Kategorie, die anderen 20% brauche ich tatsächlich (fast) täglich – z.B. meine Asthma-Medikamente. Zum Glück darf ich zwei Gepäckstücke à 20 kg mitnehmen, aber irgendwie haben ich, meine Schwester und meine Mutter es geschafft, meinen Koffer noch voller als voll zu bekommen. „Es gleicht sich ja aus“…

Auweia, mein Rücken tut schon beim Betrachten der Fotos weh.

Insgesamt wird es ganz schön abenteuerlich: Den genauen Flugverlauf wissen wir erst seit wenigen Tagen und in Asuncion dürfen wir ein paar mehr Stunden als erwartet auf dem Flughafen ausharren. Mal sehen, vielleicht schreibe ich euch dann mal.

Bis dahin bin ich aber auch schon auf Cochabamba gespannt, mal sehen, wie die Reise wird 🙂